Loreleyschule integriert Kinder

An Schwerpunkteinrichtung für geistig-, körperlich- oder lernbehinderte Schüler muss auf Wohl besonders geachtet werden

Um Kinder mit einer Behinderung auch in den "normalen" Schulalltag integrieren zu können, wurden sogenannte Schwerpunktschulen geschaffen. In einer Klasse werden dort Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet. Eine besondere Herausforderung, die nur von mehreren Lehrern gleichzeitig bewältigt werden kann. An der Loreleyschule wird das System praktiziert.

ST. GOARSHAUSEN-HEIDE. Carsten Schmitt beugt sich über einen Tisch, auf dem Becher und Plastikdosen mit Leim und Wasser stehen. Daneben liegen stapelweise alte Ausgaben der Rhein-Lahn-Zeitung. Carsten Schmitt ist ein junger Lehrer. Sein Hemdkragen ragt lässig aus seinem braunen Pullover, er trägt eine schwarze Brille und hat ein Ziegenbärtchen. Geduldig erklärt er den Kindern, wie sie aus den Zeitungen mit viel Leim grauen Matsch machen und aus dem grauen Matsch dann einen Vogel basteln können.

Eigentlich leitet Gudrun Teck-Sauerwein den Werkunterricht der 3. Klasse der Loreley-Grundschule. Carsten Schmitt ist nämlich Sonderschullehrer und von der Taunusschule Nastätten abkommandiert. Im fünften Jahr bietet die Loreleyschule solch "integrativen" Unterricht: Schüler mit geistiger-, körperlicher- oder Lernbeeinträchtigung werden zusammen mit Kindern ohne Handicap unterrichtet.

Das Zauberwort laute Differenzierung, erklärt die pädagogische Fachkraft, Ruth Jacoby-Lenz. Sie arbeitet zusammen mit Schmitt schon seit Beginn am Projekt mit. Jedes Jahr bekommt die Loreleyschule außerdem Lehrerstunden zugewiesen, je nach Bedarf. "Anfangs gab es oft personelle Engpässe, weil die Taunusschule nicht genug Förderschullehrer zur Verfügung stellen konnte", erinnert sich Konrektorin Waltraud Schlegel. Mittlerweile habe sich das etwas entspannt.

"Wir überlegen, in welche Klasse das Kind mit Förderbedarf jeweils am besten passt", erklärt Waltraud Schlegel das Konzept weiter. Idealerweise besuchen auch Kinder mit Beeinträchtigung die Loreleyschule dafür schon ab der ersten Klasse. "Dieser Grundgedanke war nicht immer zu halten", erinnert sich Schlegel. Viele Eltern fragten an, ob ihre Kinder von der Förderschule in den integrativen Unterricht der Loreleyschule wechseln könnten. Beim integrativen Unterricht wird die Klasse ganz normal unterrichtet. "Wir überlegen aber, wie wir mit den förderbedürftigen Schülern am besten umgehen", sagt Schmitt. "Etwa indem Themen differenziert behandelt werden", sagt er weiter. Als Beispiel nennt er das Thema Haustiere: "Wenn die Klasse die Biologie von Hunden lernt, bringen wir förderbedürftigen Kindern zum Beispiel bei, wie ein Hund überhaupt aussieht und sich verhält." Er und die anderen Förderfachkräfte gehen dabei als zweite Lehrkraft mit in den Unterricht. "Wir unterstützen den Fachlehrer", sagt er und rückt seine schwarze Brille zurecht, "oft fördern wir auch gezielt einzelne Kinder oder kleine Gruppen." Natürlich entstehen auch Probleme, wenn man Kinder mit und ohne Beeinträchtigung zusammen unterrichtet, räumt Waltraud Schlegel ein. "Die Kinder werden nicht ausgegrenzt", erzählt sie. "Aber manchmal nutzen Kinder die Naivität ihrer Mitschüler aus." Das müsse man als Lehrer aufgreifen und darüber reden. "Insgesamt hilft der integrative Unterricht aber, Berührungsängste abzubauen", ist sich Carsten Schmitt sicher. Außerdem übernähmen beeinträchtigte Kinder oft Verhaltensmuster von anderen und lernten dadurch auch. "Die eignen sich manchen Trick an", sagt der junge Lehrer mit einem Lächeln im Gesicht.

Für die Zukunft wünscht sich Konrektorin Schlegel übrigens eines: Sie und ihre Kollegen hoffen auf eine neue Sozialarbeiterstelle an der Loreleyschule. Die Verbandsgemeinde hat nun immerhin zugesagt, einen Sozialarbeiter als "Jobfux" für die Schule zu bezahlen (wir berichteten). "Das wäre eine halbe Stelle", so Schlegel. Allerdings müsse das Land dafür auch noch Geld zuschießen. "Da stehen wir auf der Warteliste", erklärt die Konrektorin weiter. Würde das Land Geld bewilligen, könnte der "Jobfux" in Zukunft die Berufsberatung an der Loreleyschule übernehmen. "Und vielleicht können wir irgendwann dann eine ganze Stelle daraus machen", überlegt Waltraud Schlegel. "Damit hätten wir neben unseren Förderschullehrern künftig noch eine Fachkraft, um auch soziale Probleme besser zu bewältigen."

Peter Meuer

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rhein-Zeitung.