Sozialarbeit setzt auf Vertrauen

Reichenbergerin bekleidet neue Stelle an der Loreleyschule - Sie vermittelt kreativ zwischen Lehrern, Eltern und Jugendlichen
Pisa-Studie und Amokläufe - die Schulen in Deutschland stehen mehr und mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Damit Ausbildung und Noten besser werden, sind allerdings Investitionen nötig - wie die in St. Goarshausen.

ST. GOARSHAUSEN-HEIDE. Die Umgangsformen an unseren Schulen sind härter geworden. Die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen untereinander, aber auch gegenüber Lehrern, hat zugenommen. Gleichzeitig ist die Verantwortung der Lehrer größer geworden. Mehr denn je sind sie gefordert, über ihre pädagogische Aufgabe hinaus, als Streitschlichter und Ersatz-Erzieher aufzutreten. Eine Rolle, die natürlich nicht erfüllt werden kann und darf, dazu ist der pädagogische Auftrag zu wichtig. Allerdings sieht die Realität oftmals anders aus. Die Frauen und Männer sind durch die ständig wachsenden Anforderungen überbeansprucht. "Es gibt viele Probleme, die in die Schule hineingetragen werden. Die Lehrer müssen meist auffangen, was schief läuft", erklärt Rektorin Linda Pfannschmidt.
Einen Ansatz zur Lösung dieses gesellschaftlichen Problems probiert derzeit die Verbandsgemeinde Loreley mit finanzieller Unterstützung des Landes an der Regionalen Schule in St. Goarshausen-Heide aus. Seit Anfang November arbeitet Tina Lohse dort als Schul-Sozialarbeiterin. Lohses Aufgabe ist es, die Lehrer zu entlasten, bei Problemfällen zu vermitteln, bei Beidarf mit Eltern zu sprechen, die Kinder und Jugendlichen bei Anliegen jeglicher Natur zu beraten und zuzuhören. Da kann es schon einmal vorkommen, dass der Klassenrüpel sich im Rollenspiel, das Lohse inszeniert, alleine gegen die Gruppe wehren muss - mit Worten.
Tina Lohse will einen langfristigen Prozess in den Köpfen der Beteiligten in Ganz setzen, sieht sich nicht als Feuerwehrfrau, falls es irgendwo brennt. "Die Lehrer können Problemfälle nicht zu mir abschieben", stellt sie klar. "Probleme können nur gemeinsam gelöst werden. Solch ein Prozess erfordert Einsicht auf beiden Seiten." Dabei ist die Reichenbergerin nicht nur für die Schüler Ansprechpartnerin, sondern auch für die Lehrer. "Zu einem Problem gehören immer zwei Parteien, und wenn eine Klasse Ärger mit ihrem Lehrer hat, kann das auch an ihm liegen", gewährt Lohse einen Blick in ihre Arbeit, bei der sie auch eine Menge Beobachtungsgabe aufbieten muss. Natürlich konfrontiert sie die Pädagogen wenn nötig mit ihrer Sicht der Dinge. Dabei blickt sie mitunter in überraschte Gesichter. Konrektor Volker Bernhard: "Frau Lohse bringt einen ganz anderen Ansatz in unsere Arbeit. Als Lehrer kocht man doch oft im eigenen Saft. Sie sieht die Dinge mit den Augen einer außen Stehenden."
Und diese außen Stehende scheint für die neue Rolle an der Bildungseinrichtung bestens geeignet. Denn sie verfügt durch ihre wissenschaftliche Ausbildung nicht nur über die Fähigkeit, zwischenmenschliche Probleme zu erkennen und mit den Protagonisten Lösungen erarbeiten zu können. Lohse hat einst selbst die ehemalige Hauptschule in St. Goarshausen-Heide besucht, machte eine Lehre als Einzelhandelskauffrau und arbeitete vor ihrem Studium unter anderem als Bankkauffrau. Dass lässt sie zum Beispiel dann authentisch wirken, wenn sie mit den älteren Jahrgängen Bewerberrunden abhält.
Die Analyse und Beseitigung von Gewalt, ob körperlicher Natur oder durch Mobbing, die Prävention, die schon bei den Kinder der Grundschule beginnt, und die Vorbereitung der Älteren auf ihr Berufsleben vereinen Komponenten in einer Person, die andere Schulen ein wenig neidisch werden lässt, behauptet zumindest Rektorin Pfannschmidt. "Wir wissen gar nicht, ob wir den Jobfuxx noch haben wollen."
Ursprünglich hatte die Verbandsgemeinde als Träger der Loreleyschule nämlich "nur" einen sogenannten Jobfuxx beantragt, der Kontakte zu Unternehmen knüpfen und die Abgangsjahrgänge auf ihr neues Leben vorbereiten sollte. Der wurde allerdings zunächst abgelehnt. "Jetzt haben wir alles in einem", freut sich Pfannschmidt und würde Lohse natürlich gerne weiterhin an der Schule wirken sehen. Doch vorerst gilt deren Vertrag ein Jahr.
"Für ein Jahr gilt die Förderung des Landes. Zuschüsse müssen dann wieder neu beantragt werden", erklärt Dieter Clasen, Bürgermeister der Verbandsgemeinde. Allein aus arbeitsrechtlichen Aspekten kann der befristete Posten der Schul-Sozialarbeiterin nur noch einmal verlängert werden. Da das Arbeiten in einem solchen Beruf ein großes Stück auf gegenseitigem Vertrauen mit pubertierenden Jugendlichen beruht, ist allen Verantwortlichen an der langfristigen Beschäftigung der Sozialarbeiterin gelegen. Doch alleine kann die Verbandsgemeinde den Posten vermutlich kaum finanzieren.
Tina Lohse erinnert sich unterdessen an ihre eigene Schulzeit und will im Frühjahr einen Mofakurs aufbauen. "Viele der älteren Schüler haben bereits danach gefragt", erklärt sie.
Markus Wakulat

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rhein-Zeitung.