Ovaler Tisch: Viele Wege führen zum Beruf

Infoabend: Die Sicherung des Fachkräftebedarfs steht im Fokus – Ausbildung thematisiert

Von unserem Mitarbeiter Norbert Schmiedel


St. Goarshausen. Welche schulischen Voraussetzungen sind für den Berufseinstieg erforderlich? Und wie findet man seinen Wunschberuf? Diese Fragen müssen früher gestellt werden, als es normalerweise der Fall ist, nämlich bereits ab Klassenstufe fünf – so ein Fazit des Informationsabends, zu dem die Loreleyschule mit ihren Partnern aus Verwaltung, Wirtschaft, Handwerk, weiterführenden Schulen, der Handwerkskammer, der Industrie- und Handelskammer und der Agentur für Arbeit vor Kurzem Eltern und Schülern einlud.
Informationsrunden wie diese sind Teil des sogenannten Ovalen Tischs Rheinland-Pfalz für Ausbildung und Fachkräftesicherung. In der Loreleyschule ging es dabei sehr konkret zu. Schulleiter Harald Weise begrüßte bewährte Partner der Loreleyschule, die sich im Rahmen der dualen Ausbildung integriert haben. Diese umfasst neben der Schulausbildung Praktika in Betrieben. Die Verbindung zu den Betrieben hält Konrektorin Waltraud Schlegel, die auch die Moderation des Abends übernahm.
„Die Loreleyschule ist sehr wichtig für die Region, besonders weil sie das integrative Schulkonzept, das auch schwächere Schüler in besonderer Weise berücksichtigt, umsetzt und weiterentwickelt“, betonte Hans-Josef Kring für die Verbandsgemeinde Loreley als Schulträger. Landrat Frank Puchtler ging auf die Bewerberzahlen im Rhein-Lahn-Kreis ein. „Es sieht eigentlich gut aus, für 2015 haben bereits 929 Bewerber einen Ausbildungsplatz, neun suchen noch“, sagte er. 70 Prozent der Bewerber kämen aus der Realschule plus, was sehr für die duale Ausbildung spreche. Für 2016 gebe es wegen der demografischen Entwicklung weniger Bewerber. Ganz wichtig war es Puchtler, dass die jungen Menschen durch geeignete Angebote und Berufsaussichten im Kreis gehalten werden. Dafür müsse die Politik, auch durch die Weiterentwicklung der Infrastruktur, die Grundlagen schaffen.
Madeleine Seidel, Leiterin der Agentur für Arbeit in Montabaur, meinte: „Die Bewerber haben die Wahl. Der Markt entwickelt sich zum Bewerbermarkt, es gibt mehr Angebote als Bewerber. Die Schüler entscheiden sich nicht für einen Beruf, sondern für einen Berufseinstieg mit Weiterbildungsmöglichkeiten.“ Daher sei eine Orientierung schon in der „Vorentlassklasse“ dringend geboten.
Richard Hover von der Industrie- und Handelskammer Koblenz und Hans-Joachim Wagner von der Handwerkskammer Koblenz gingen sehr detailliert auf die Anforderungen des Betriebs an die Bewerber einerseits und die Anforderungen der Bewerber an die Betriebe andererseits ein. Deutsche Sprachkenntnisse stünden an erster Stelle, dazu kämen Grundkenntnisse in Englisch und im IT-Bereich. Charakterliche und soziale Kompetenzen, Toleranz und Teamfähigkeit waren weitere Stichworte – aber auch Höflichkeit, Zuverlässigkeit, Belastbarkeit und Verantwortungsbereitschaft. Hans Joachim Wagner empfahl, sich jetzt schon auf Ausbildungsplätze für 2016 zu bewerben.
Ronja Hemer von der Berufsbildenden Schule (BBS) Lahnstein erläuterte die verschiedenen Schulformen, die die BBS anbietet: von der Hauptschule über Realschule und Gymnasium mit Abitur bis zur Fachschule – auch mit der Möglichkeit, einen früher versäumten Hauptschul- oder Realschulabschluss nachzuholen. An der Abendschule sei das nicht immer einfach, aber möglich, so Hemer. Sie lud zum Tag der offenen Tür am Freitag, 29. Januar, für Schulklassen und am Samstag, 30. Januar, für alle Interessierten ein.
Die Äußerungen der beiden Praktiker waren die reinste Werbung dafür, nach der Haupt- oder Realschule nicht noch eine Schule draufzusatteln, sondern eine Berufsausbildung als Basis zur Meisterprüfung oder zu Abitur und Studium zu absolvieren. „Eine Lehre nach Haupt- oder Realschule ist erste Wahl. Schule bis zum Erbrechen ist nicht alles“, war sich Martin Melzer von Kältetechnik Melzer sicher. Das bestätigte später einer seiner früheren Lehrlinge, Dustin Kern. Er erläuterte seinen Weg von der Lehre über die Gesellenzeit und die weitere Schulausbildung bis zum Meisterbrief: „Jetzt arbeite ich als Meister in meinem früheren Ausbildungsbetrieb.“
Matthias Dreßler von Eaton Industries vertrat überzeugend die Ansicht, dass „wir, die Betriebe, selbst durch Ausbildung für Nachwuchs sorgen müssen. Von außen kommt niemand.“ So beschrieb er die Ausbildungsgänge seiner 38 Auszubildenden in den neun Berufen, die derzeit angeboten werden. Dazu habe die Firma ein eigenes Ausbildungszentrum errichtet. Für die relativ hohe Ausbildungsvergütung werde den Lehrlingen allerdings auch großes Engagement abverlangt: „Wir bilden ja nicht für die rund drei bis vier Jahre Lehrzeit aus, sondern wir betrachten eine Zeitspanne von 20 bis 25 Jahre.“
Sabrina Henrizi, eine ehemalige Schülerin der Loreleyschule, berichtete von ihrer Laufbahn zur zahnmedizinischen Fachangestellten. Kim Hohenstatt absolviert eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel, Sarah Kalkofen studiert auf Lehramt, und der Koch Sven Becker aus Kestert stellte sich als stellvertretender Küchenchef eines Sternehotels in St. Wendel vor. Das waren beeindruckende, von der Loreleyschule in St. Goarshausen gestartete Lebensläufe.
Rhein-Lahn-Zeitung Bad Ems vom Freitag, 27. November 2015


Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rhein-Zeitung.